"Klimaschutz bewegt": Mehr als 200 Teilnehmer beim 3. Klimakongress der GRÜNEN-Fraktion

Antje Hermenau ruft zum Umdenken auf: "Politik muss mit der Tradition brechen, immer nur nach Katastrophen bereit zum Umsteuern zu sein"

Bei ihrem 3. Klimakongress am 5. Dezember in Dresden begrüßte die Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erneut über 200 Teilnehmer. In ihrer Begrüßung rief Antje Hermenau, Vorsitzende der GRÜNEN-Landtagsfraktion, zu einem Umdenken auf.

"Die Politik muss mit der Tradition brechen, immer nur nach Katastrophen zu einem Umsteuern in der Lage zu sein. Es muss uns in der nächsten Dekade gelingen, eine umweltverträgliche Politik zu betreiben. Es geht auch um verlässliche Rahmenbedingungen für private und öffentliche Investitionen, um den Wandel hin zu einer regenerativen Energieversorgung durchzusetzen."

"Gelingt dieser Wandel in der nächsten Dekade nicht, müssen wir von einem zivilisatorischen Versagen sprechen. Darum ist es eine Katastrophe, dass die Bundesregierung nicht bereit ist, den ärmsten Ländern der Welt Finanzzusagen für eine klimaverträgliche Politik zu machen. Der UN-Klimagipfel in Kopenhagen in der kommenden Woche wäre der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt für konkrete Zusagen der Industrieländer."

Mit den Gästen Dietrich Bauer, Oberlandeskirchenrat der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen, und Sven Giegold, Wirtschaftswissenschaftler und Abgeordneter der GRÜNEN im Europaparlament, war sie sich einig, dass Gerechtigkeitskrise, Finanzkrise und Klimakrise zusammen gedacht werden müssen, um sie lösen zu können. „Wir müssen anders produzieren, anders leben und weltweit anders verteilen“, so das Fazit.

„Die heutige Globalisierung ist schuld am Klimawandel und zugleich der Weg zum weltweiten Klimaschutz. Jeder Einzelne trägt Verantwortung für sein Handeln. Wir als Menschen sind für den Klimawandel zuständig. Aus dieser Erkenntnis sollte nicht Depression, sondern Kraft erwachsen“, forderte auch Oberlandeskirchenrat Bauer zum Handeln auf.

Hermenau, Bauer und Giegold setzten sich für den konsequenten Abschied von fossilen und atomaren Energieträgern ein. „Die Ziele der Sächsischen Staatsregierung beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der CO2-Reduktion sind indiskutabel. Sachsen muss den erneuerbaren Energien eine klare Vorrangstellung geben. Nur so kann verhindert werden, dass in Regionalplänen oder Gemeindeparlamenten Front gegen Windkraft- oder Solarenergienutzung gemacht wird", so die GRÜNE Fraktionschefin.

In den Vorträgen und Diskussionen der insgesamt sechs Foren wurde deutlich, was aktuell zu tun ist:

Im Forum „Windenergie: Repowering – weniger ist mehr!“ berichtete der stellv. Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN in Schleswig Holstein, Detlef Matthiesen, dass die Gemeinden mittlerweile Schlange stehen, um neue Windkraftgebiete anzumelden, und sich auch die Tourismusindustrie Windräder für saubere Luft wünsche. Repowering bezeichnete er als wichtige Maßnahme zum weiteren Ausbau der Erneuerbaren, die auch dem Naturschutz helfe, weil dadurch alte Anlagen in Vogelzugströmen abgebaut werden könnten.

Der Rechtsanwalt Prof. Martin Maslaton kritisierte das höchst bürokratische Genehmigungsverfahren für den Bau höherer Windanlagen in Sachsen. „Die Lösung wäre, beim Aufstellen von Landesentwicklungsplänen Klimaschutzziele festzuschreiben“, so sein Vorschlag.

Der ehemalige Referent für Klimaschutz im Landesamt für Umwelt und Geologie, Dipl. Ing. Hans-Jürgen Schlegel, forderte die Staatsregierung auf, ihre bisherigen Ausbauziele für Erneuerbaren Energien deutlich zu steigern, da der festgelegte Anteil erneuerbare Energien am Stromanteil von 24 Prozent bis 2020 eher eine Bremse für den weiteren Ausbau sei. 


Im Forum „Verkehr – Wir müssen uns bewegen“ wurde am Beispiel der Stadt Kopenhagen gezeigt, dass es auch in europäischen Großstädten möglich ist, die verkehrsbedingten CO2-Emissionen deutlich zu drosseln. Dazu gehören u.a. besserer Service im Nahverkehr, die Radverkehrsförderung und mehr Leben in den Zentren. Die niedersächsische Gemeinde Bohmte gestaltete mit Hilfe des EU-Projektes „shared space“ ihren Straßenraum so um, dass er für alle sicherer und durch Nachlassen von Lärm und Schadstoffbelastung attraktiver wurde.

In der regen Diskussion um diese beiden Vorbildprojekte wurde deutlich: Sachsen hat durch sein Bahnsystem und viele innovative Projekte gute Potenziale um die klimafreundlichen Verkehrsarten Rad, Fuß und Bahn zum Wachsen zu bringen. Sie müssen nur von der sächsischen Politik erschlossen werden. Dafür fordern die GRÜNEN deutliche Korrekturen bei der Landes- und Regionalplanung.


Im Forum „Ernährung – Nur ohne Fleisch zum Klimaziel?“ diskutierten die Ernährungswissenschaftler Martin Schlatzer aus Österreich und Dr. Markus Keller aus Gießen über die Auswirkungen unserer Ernährung auf den Klimawandel. Die Referenten erläuterten, dass allein die Viehwirtschaft 18 Prozent aller durch den Menschen verursachten Treibhausgase erzeugt - mehr als der gesamte Transportsektor.

Dr. Keller wies darauf hin, dass allein die Umstellung auf biologisch erzeugte Lebensmittel bis zu ein Viertel des Energieverbrauchs spart: „Wenn wir weniger oder kaum tierische Produkte essen und mehr auf regionale und saisonale Lebensmittel setzen, tun wir etwas für unsere Gesundheit und können viel Energie sparen.“


Im Forum „Energieeffiziente Produktionsverfahren“ stellte Marc Postpieszala von der Sächsischen Energieagentur (SAENA) den in Sachsen geltenden Energie- und Gewerbepass sowie Fördermöglichkeiten für sächsische Unternehmen zur energetischen Sanierung von Gewerbeimmobilien vor. Gosbert Amrhein, Geschäftsführer der Firma Alterfil Nähfaden GmbH Oederan, machte die Bedeutung der Themen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit deutlich.

Die Teilnehmer hatten insbesondere Informationsbedarf zu den Themen Denkmalschutz versus energetische Gebäudesanierung sowie den zur Verfügung stehenden Fördermitteln. Kritisch wurde die Rolle der Banken wegen ihrer Zurückhaltung bei der Vergabe von Firmenkrediten erörtert, da es klein- und mittelständischen Unternehmen oftmals nicht möglich sei, ihre Gewerbeimmobilien mit Eigenkapital energetisch zu sanieren.


Im Forum „Chancen für das Handwerk – Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz bei der Gebäudesanierung“ erläuterte Sven Börjesson von der Handwerkskammer Leipzig, an welcher Stelle Energie effizient eingespart werden kann. Ein Drittel des Energieverbrauches in Deutschland entsteht durch unsere Gebäude. Vor allem zum Heizen wird noch zu viel Energie benötigt. Leider versperrt der hohe Berg der Erstinvestitionen bei der energetischen Sanierung manchem Bauherren den Blick auf die Einsparpotentiale. Sachsen Handwerker wollen helfen und sich selbst weiterbilden, um künftig bessere Energieberatung anbieten zu können.

Energieberater Burkhart Zschau spannte den Bogen vom einzelnen Haus zur energieautarken Region und zeigte am Beispiel des Landkreises Annaberg Buchholz wie viel Geld in der Region bleibt, wenn die Energie vor Ort erzeugt werden kann. 100 Mio. Euro Wertschöpfung könnten es allein im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz sein.


Im Forum „Sächsische Landwirtschaft im Klimawandel“ wurde auf die notwendigen Anpassungsleistungen in Deutschland hingewiesen.

Dr. Daniel Doktor vom Helmholzzentrum für Umweltforschung in Leipzig erklärte, dass veränderte Aussaattermine, Sortenwahl sowie Neuerungen bei Bodenbearbeitung und Bewässerung eine Antwort auf den Klimawandel sein. „Dann wird die Landwirtschaft in Deutschland bis 2040 kaum Ertragsverluste erleiden.“ Jedoch müsse die Landwirtschaft dringend mehr für den Erhalt der Artenvielfalt tun, da das aktuelle Artensterben in der Agrarlandschaft beängstigend sei.

Zertifikat: Klimaneutrale Veranstaltung 2009

Programmüberblick

Flyer herunterladen (PDF 1,50MB) (Stand: 29.10.2009)

Video vom Kongress

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